König der Barmherzigkeit

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König der Barmherzigkeit
Maria
die Makellose

Im Folgenden erfahren Sie mehr über die Geschichte und Hintergründe von Sievernich. U.a. über den Märtyrerpfarrer und die Marienerscheinungen in Düren. Die Texte sind stark verkürzt aus dem Buch “ König der Barmherzigkeit“, mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Warum Sievernich?

Warum erscheinen Maria und Jesus ausgerechnet in Sievernich? Was macht die 456-Seelen-Gemeinde so besonders, dass die Gottesmutter und das Prager Jesuskind ausgerechnet hier erscheinen und nicht etwa in Düren-Gürzenich, dem Wohnort der Seherin Manuela S.?

Da wäre zunächst einmal seine reiche Geschichte…

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„Auf dem Berg“ östlich von Sievernich legten Archäologen Gräber aus der Hallstattzeit (etwa 900-600 v.Chr.) frei, die belegen, dass hier schon in alttestamentarischer Zeit eine Siedlung bestand. Der lateinische Ortsname Severiniacum deutet darauf hin, dass hier ein gewisser Severinus ein Landgut besaß, was auch die zahlreichen römischen Funde in der Gegend erklären würde. Südlich des Ortes stießen Archäologen auf die Überreste der Römerstraße von Reims (Remigium) nach Köln (Colonia Claudia Ara Agrippinensium). Auf ihr, so ist anzunehmen, kam das Christentum in die römische Provinz Germania Inferior – spätestens im frühen 4. Jahrhundert, als mit dem heiligen Maternus der erste Bischof von Köln nachweisbar ist, vielleicht aber auch schon, wie es die Legende vom Petrusstab besagt, in apostolischer Zeit. Sie kreuzte sich bei Sievernich mit der römischen Militärstraße von Trier, das im 4. Jahrhundert Kaiserresidenz war, nach Neuss und Xanten. In Trier wurde die hl. Helena, Mutter des ersten christlichen Kaisers Konstantins des Großen, getauft, bevor sie ihren Palast der Kirche stiftete; aus ihm entstand der Trierer Dom. In Trier liegt das einzige Apostelgrab des Nordens, das des hl. Matthias, befand sich das erste Kloster Europas (Reichsabtei St. Maximin), wird mit dem Heiligen Rock, dem Gewand Jesu, die wichtigste Herrenreliquie nördlich der Alpen verehrt. In Trier wurde der hl. Ambrosius von Mailand geboren, verbrachte der hl. Athanasius von Alexandria sein Exil und schrieb das Leben des hl. Mönchvaters Antonius nieder, absolvierte der heilige Hieronymus einen Teil seiner Studien; selbst die Bekehrung des heiligen Augustinus wurde durch einen Bericht über eine Begebenheit in Trier angestoßen. Hier, in diesem Dreieck zwischen Trier, Köln und Aachen, wurde das christliche Deutschland geboren, Jahrhunderte vor dem Wirken des hl. Bonifatius im Norden, Osten und Süden.

Ab 450 wurde Sievernich von den Franken besiedelt. Es war irgendwo zwischen Sievernich und dem 5 Kilometer entfernten Zülpich, dass der Frankenkönig Chlodwig 496 „mit Gottes Hilfe“ die Alemannen schlug. In Erfüllung eines Gelübdes ließ er sich daraufhin in Reims taufen und begründete ein Großreich, das zur Keimzelle des mittelalterlichen christlichen Abendlandes wurde.

Die erste urkundliche Erwähnung Sievernichs im Jahre 893 finden wir im Güterverzeichnis der Reichsabtei zu Prüm: „Baldicus habet in Siuiruihc mausa duo“ – „Abt Balduin besaß in Sievernich zwei Mansen (30 Morgen) Land“. In Prüm wird seit den Tagen Pippins III., genauer gesagt seit 752, eine weitere kostbare Reliquie verehrt, die „Sandalen Jesu“, die dem Frankenkönig von Papst Zacharias anvertraut worden waren. Tatsächlich handelt es sich dabei nur auf den ersten Blick um zwei Krönungsschuhe aus der Merowinger- oder Karolingerzeit. Denn als Wissenschaftler ihre Goldauflagen entfernten, stießen sie auf Fragmente uralten Leders, vermischt mit Silikatmineralen, wie sie in Wüstengegenden vorkommen, sowie Spuren von Eisen und Titan. Sie sind typisch für die sogenannte „terra rossa“, eine Erdenzusammensetzung, die es in dieser Form nur im Gebiet um Jerusalem gibt. Offensichtlich hatten die karolingischen Kleriker diese Fragmente in die Prachtschuhe eingearbeitet, um sie in einer würdigeren Form verehren zu können.

Ab der Ottonenzeit, also im 10. Jahrhundert, lag Sievernich an der Via Regia, der Krönungsstraße der deutschen Kaiser, die zunächst von Frankfurt, später von Nürnberg und Prag nach Aachen führte. Beginnend mit Otto dem Großen reisten die meisten der 30 Könige und elf Königinnen, die bis 1531 gewählt wurden, auf der Via Regia zur Krönung nach Aachen. Sie verband nicht nur den Westen mit dem Osten des Heiligen Römischen Reiches (später: deutscher Nation), sie führte auch jeden gewählten Kaiser zu seinem Ursprung zurück: Zum Kaiserdom in Aachen, der einstigen Pfalzkapelle Karls des Großen. Mit seiner Krönung am Weihnachtstag 800 in Rom durch Papst Leo III. wurde der fränkische König nicht nur zum legitimen Nachfolger der römischen Cäsaren; er konnte seinen Machtanspruch jetzt auf den Papst, den Stellvertreter Christi, zurückführen.

Jahrhundertelang war der Aachener Dom, diese architektonische Repräsentanz des Himmlischen Jerusalems, das Zentralheiligtum des Kaiserreiches der Deutschen. Hier wurden, in einem goldenen Schrein, der an die Bundeslade im Salomonischen Tempel erinnerte, einige seiner kostbarsten Reliquien gehütet, die noch heute alle sieben Jahre in einer Wallfahrt („Heiligtumsfahrt“ genannt) verehrt werden. Zu ihnen zählen das Gewand, das die Gottesmutter im Stall von Bethlehem trug und die „Windeln Jesu“, in die sie das Kind in der Krippe gewickelt hatte. Karl der Große hatte sie in Konstantinopel oder Jerusalem erwerben lassen. Dass einer der Pilgerwege nach Aachen durch Sievernich führte, schenkte dem Örtchen noch eine verstärkte Bedeutung. 1153 wurde Sievernich schließlich zum Adelssitz. Die heutige Wasserburg Sievernich stammt zwar aus dem 14. und 15. Jahrhundert, wurde aber auf den Grundmauern von Vorläuferbauten errichtet. Bald lag es an der Grenze zwischen dem Erzbistum (und Kurfürstentum) Köln und dem Herzogtum Jülich; heute gehört Sievernich zum Bistum Aachen. Seine neugotische Kirche, dem hl. Johannes dem Täufer geweiht, wurde 1869-1873 anstelle einer barocken Kapelle errichtet. Neben ihr befindet sich eine Friedhofs- und Wallfahrtskapelle, die der Gottesmutter geweiht ist, die in den Jahren 2000-2005 hier erschien.

Der Märtyrerpfarrer von Sievernich

Ein wichtiger Faktor, der den Boden für die Erscheinungen bereitet haben könnte, ist das Martyrium des langjährigen Pfarrers von Sievernich, Alexander Heinrich Alef (1885 – 1945)…

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Alef, zu Mariä Lichtmess in Köln geboren, aber in Bonn aufgewachsen, wurde 1909 durch den Kölner Erzbischof Antonius Hubert Kardinal Fischer zum Priester geweiht. Am 20. Oktober 1930 setzte ihn Karl Josef Kardinal Schulte, der im gleichen Jahr das Bistum Aachen wiedererrichtete, zum Pfarrer in Sievernich ein. Von Anfang an versuchte Alef, seine Pfarrkinder vor Hitler und seiner satanischen Ideologie zu warnen. Nach der Machtergreifung 1933 begann seine Zeit des Kampfes und des Leidens. Man warf ihm vor, dass er trotz ausdrücklicher Einladung einer Kundgebung an einem Gefallenendenkmal fernblieb. Konsequent verweigerte er den Hitlergruß. Als die Drohungen gegen ihn zunahmen, verlegte er kurzerhand den Religionsunterricht in die Pfarrkirche. 1934 schrieb der Regierungspräsident an seinen Bischof und forderte diesen auf, den unbequemen Geistlichen zu versetzen: „Das Gesamtverhalten des Pfarrers lässt eine so starke Abneigung gegen die neue politische Führung, verbunden mit einer tiefen seelischen Depression, erkennen, dass ich Eure Exzellenz bitte zu erwägen, dass Pfarrer Alef seinen Wirkungsort wechselt und durch eine Persönlichkeit ersetzt wird, welcher auch von Staats wegen der Religionsunterricht unbedenklich anvertraut werden könnte. Eine Entziehung des Religionsunterrichtes Herrn Pfarrer Alef gegenüber erscheint mir nach den vorliegenden Berichten unvermeidlich…“. Als der Bischof sich weigerte, wurde 1935 das erste Verfahren gegen ihn eröffnet, das jedoch wieder eingestellt werden musste.

In den Akten des Bistums Aachen befinden sich Briefe des mutigen Pfarrers, die von seiner Drangsal zeugen. So schrieb er am 12. Februar 1934 seinem Bischof: „Seit einem Jahr habe ich ein wahres Martyrium mitgemacht. (…) Diese ständigen Drohungen von dieser Seite, auch anonyme politische Schreiben haben mich so zermürbt, dass ich den Unterricht aus der Schule in die Kirche verlegt habe, um sicherer zu sein, und kaum mehr wage, ein Haus zu betreten. Die Gemeinde Sievernich ist friedlich und treu kirchlich und leidet wie der Pastor unter den Zuständen.“ Es seien eigentlich nur zwei oder drei Personen, die ihm die genannten Schwierigkeiten bereiten würden.

Doch Pfarrer Alef ließ sich nicht einschüchtern. An einem Sonntag Anfang 1943 lud er in der Predigt die lokale Hitlerjugend zur Teilnahme am Religionsunterricht ein. Zwei Tage später erschien die Gestapo und verhörte die Kinder, die angehalten wurden, die belastenden Aussagen zu unterschreiben. Anschließend durchsuchte sie alle Zimmer des Pastorats. Weitere zwei Tage später erhielt der Pfarrer ein Tätigkeitsverbot und wurde des Bistums Aachen verwiesen. Daraufhin verließ er Sievernich notgedrungen und fand Aufnahme in einem Kloster im Westerwald, wo er sich in regelmäßigen Abständen bei der Polizei zu melden hatte. Nach zweimonatigem Aufenthalt musste er auch dieses Kloster verlassen und kam nach Kloster Niederau, wiederum mit der Auflage der regelmäßigen polizeilichen Meldung. Zwischenzeitlich war er von einem NS-Gericht zu Lagerhaft verurteilt worden. Zunächst erklärte ihn der damalige Chefarzt des Birkesdorfer Krankenhauses für haftunfähig und bot Pfarrer Alef an, ihn ins Ausland zu bringen. Doch der mutige Geistliche lehnte ab; er war zum Martyrium bereit.

Der Märtyrerpfarrer Alexander Alef im Kreis seiner Ministranten (Foto: Archiv Helmut Moll)

Im Februar 1944 schließlich holte die Gestapo ihn ab. Zunächst wurde Alef in ein Aachener Gefängnis gebracht, dann, im September, in das KZ-Außenlager Köln-Deutz bei den Messehallen überstellt. Zehn Tage später transportierte man ihn zusammen mit 365 anderen politischen Gefangenen in das KZ Buchenwald bei Weimar in Thüringen ab. Am Dreikönigstag, dem 6. Januar 1945, als die Rote Armee unaufhaltsam nach Westen vordrang, überführten die Nazis den Sievernicher Pastor in das KZ Dachau bei München. Dort wurde er in Block 3. K 17/4 untergebracht und trug die Häftlingsnummer 137367.

Der Domkapitular Nikolaus Jansen, selbst vier Jahre Häftling im KZ Dachau, berichtete im August 1945 über die letzten Wochen des Märtyrer-Pfarrers von Sievernich: „Als er eintraf, war bei den Helfern, die die Personalien der Ankömmlinge notierten für die Registratur, ein Pater Ulrich, durch den Herr Alef sofort meinen Besuch erbat. Alle Ankömmlinge kamen zuerst in den sog. Aufnahmeblock, für etwa 3 Wochen. Obschon ein Besuch dort nicht gestattet war, habe ich den Weg zu ihm gefunden und ihm von meinem Paketinhalt mitgenommen. Er befand sich wohl, nur machte ihm viel zu schaffen sein Bruchleiden, dann der totale Mangel an Diätspeise und die riesige Überfüllung des Raumes – auch wir lagen zuletzt zu 350 Menschen in einem Tagesraum von 5 zu 6 m, also 30 qm Größe. Ähnlich war es auch bei ihm. Diesen Umständen ist sein Tod zuzuschreiben in Verbindung mit dem Mangel jeglicher ärztlicher Behandlung und der Medikamente.

Da auf dem Aufnahmeblock (Holzbaracke) Typhusfälle auftraten, wurde die Absperrung so streng, dass ich nicht mehr zum Konfrater Alef hinkonnte. Wohl konnte ich ihm noch mehrere Male von meinen Gaben zukommen lassen. Gesehen habe ich ihn erst nach seinem Ableben. Da wir (geheim) in jedem Block jemanden hatten, der die hl. Kommunion überbrachte, ist er nicht ohne die Sterbesakramente gestorben. Wir haben seine Leiche aufgebahrt und eingesegnet, was auch nur von Fall zu Fall möglich war durch Hergabe von Rauch- und Nahrungsmaterial an die Bedienungshäftlinge. Ich selbst habe die Einsegnung der Leiche vorgenommen, bei uns im Priesterblock, wohin Alef wegen des Typhus nicht mehr hinkam, ein Exequialamt und einen Nachruf gehalten über Lebenslauf und Wirksamkeit. Seine Leiche wurde wie üblich verbrannt. Eine Überlassung der Urne ist zwecklos, da immer bis zu 12 Leichen zugleich verbrannt wurden, jede Stunde ca. 50 in den vier Öfen mit je 3 Rosten, wobei die Aschenüberreste überhaupt nicht gesondert wurden. Pfr. i. R. Alef war m.W einer der allerletzten, wenn nicht der letzte Priester überhaupt, der in Dachau infolge der herrschenden Verhältnisse umkam. R. i. P.“

Der Märtyrerpriester von Sievernich starb am 16. Februar 1945 im Alter von 60 Jahren. In einem letzten Brief an eine Familie seiner Pfarrei hatte er am 27. Dezember 1943 erklärt:

„Tief beschämt bin ich wegen all des Guten, das mir in dieser Zeit der Not von guten Menschen, geistlich und weltlich, erwiesen wird.

Das Wort Christi ist mir nie so lebendig geworden wie jetzt: ‚Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan, das habt ihr mir getan‘. All den Menschen der Treue und Liebe möge das Gute, das sie mir erwiesen, aufgezeichnet sein im Buch des Lebens und besonders seinen Lohn finden in der Ewigkeit. Es ist ganz gewiss eine falsche Meinung, wie sie vielleicht einige Sievernicher haben, ich sei wegen der Vorkommnisse verbittert, nein, wenn es möglich wäre, dass ich noch einmal ins Amt käme, würde ich mit derselben Liebe und Begeisterung wieder anfangen, wie auch in Sievernich. Alles was mir zustößt, kommt von Gott und ist zu unserer Belehrung und Vervollkommnung.

Niemals werde ich meine früheren Pfarrkinder vergessen und aller täglich gedenken im Gebet. Gegen niemand darf ich, will ich einen auch nur kleinen Groll im Herzen haben, denn die einzige und wahre Vergeltung ist nur die Liebe.

Alles, was wir den Leuten auf der Kanzel sagen, ist erst dann ganz wahr, wenn es durchlitten ist im Leben von uns selbst. An uns allen möge Pauli Wort wahr werden: ´Denen, die Gott lieben, sind alle Dinge zum besten.´

Ich wünsche und bete, dass wir uns alle in der seligen Ewigkeit wieder finden.“

Im Kloster Niederau übergab Alef seinen Rosenkranz mit den Reliquien des hl. Hermann Josef von Steinfeld (der 1241 im Kloster Hoven bei Zülpich verstarb) einer Ordensschwester, die aus Sievernich stammte, mit den Worten: „Den sollen sie nicht auch noch haben.“ Er sollte fortan in der Sievernicher Pfarrkirche aufbewahrt werden. 1960 beschloss die Gemeindevertretung Sievernich, die Straße, die zum alten Pastorat Alefs führt, in „Pfarrer-Alef-Straße“ umzubenennen. 1999 wurde er als Glaubenszeuge in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen. „Märtyrerblut ist Christensaat“, schrieb der frühchristliche Apologet Tertullian (um 200). Ist es zu weit hergeholt, anzunehmen, dass seine Christusnachfolge den Segen über seine Pfarrei gebracht hat, den Boden dafür bereitete, dass hier die Gottesmutter und ihr heiliger Sohn erschienen, um vor den Irrwegen unserer Zeit zu warnen?

Marienerscheinungen in Düren

Düren und das Haupt der Hl. Anna

Die Mutter der Gottesmutter: Das Annahaupt von Düren (Archiv Hesemann)

17 Kilometer nordwestlich von Sievernich liegt die Stadt Düren, das „Tor zur Nordeifel“ am Ufer des Flüsschens Rur.

Um 700 stand hier eine fränkische Saalkirche, „Villa Dura“, in der 747 eine Reichsversammlung stattfand, an der auch der junge Karl teilnahm, der später als „der Große“ in die Geschichte eingehen sollte.

Doch ihr Aufstieg zur Pilgerstätte begann erst, als der Steinmetz Leonhard 1501 aus der Mainzer Stiftskirche St. Stephan einen Schrein mit der Kopfreliquie der heiligen Anna entwendete, der Mutter der Gottesmutter und Großmutter Jesu.

Pilger aus ganz Europa strömtenin die Kleinstadt, deren Hauptkirche, bislang dem karolingischen Reichsheiligen St. Martin geweiht, in „Annakirche“ umbenannt wurde. Noch heute wird zu ihrem Festtag die „Dürener Annakirmes“ abgehalten.

Die Trösterin der Betrübten

Südlich von Düren, an der Straße nach Stockheim, liegen zwei Kapellen. Die kleinere, ältere, beherbergt eine Ölbergsgruppe. Sie wird das erste Mal 1420 urkundlich erwähnt, könnte aber aus dem 14. Jahrhundert stammen. Die neue, sehr viel größere, die man im 19. Jahrhundert errichtete, wurde bei dem Luftangriff fast restlos zerstört, nur ihre Umfassungsmauern standen noch. Sie barg ein altes Gemälde der „Consolata“ oder „Consolatrix afflictorum“ (Trösterin der Betrübten), das nach ihrer Zerstörung vier Monate lang inmitten des Schutts Wind und Wetter, Regen und Schnee ausgesetzt war und dennoch unbeschadet blieb. Nach seiner Bergung stellten die Dürener es zunächst in die kleine, alte Kapelle. Noch ahnte niemand, dass die beiden Heiligtümer vier Jahre später zum Schauplatz der ersten Marienerscheinungen im Nachkriegsdeutschland werden sollten.

Die Dürener Muttergotteshäuschen (Foto Hesemann)

Von Mai 1949 bis 1952 erschien der damals 44jährige Näherin Gertrud Fink aus Düren die Muttergottes…

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Am 1. Mai 1949 zog es die damals 44jährige Näherin Gertrud Fink aus Düren frühmorgens um halb sechs „mit einer fast übermenschlichen Gewalt“ zu der zerstörten Kapelle. Der Marienmonat hatte gerade begonnen, in dem es Sitte war, der Maienkönigin einen Besuch abzustatten und ein Gebet darzubringen. So trat Frau Fink in die Ruine ein und sprach ein Gebet für den nach wie vor labilen Frieden.

Plötzlich sah sie links von sich eine schöne Frau stehen. Fink war ein wenig mulmig dabei zumute, weil sie die Fremde zuvor nicht bemerkt hatte, doch bald nahm ein ganz anderes Gefühl von ihr Besitz: Es war, „als wenn etwas Erbarmungsvolles auf mich zukam“, schrieb sie später, „sie war so jung, so voll Anmut, Reinheit und Liebe“. Sie fühlte sich zu dieser Frau im weißen Kleid und blauen Mantel hingezogen, war von ihr fasziniert, als sie die Worte „Komme an neun Priestersamstagen nach hier. Bete für Priester und Volk. Ich komme zurück!“ vernahm. So sehnte sie den ersten Priestersamstag herbei, an dem sie ihr wieder begegnen durfte.

Gertrud Fink im Kreis ihrer Vertrauten (Archiv Hesemann)

Am nächsten Samstag, dem 7. Mai 1949, stand Gertrud Fink schon früh auf, um pünktlich um 6 Uhr morgens an der Kapelle zu sein. Wieder betete sie, wieder stand die wunderschöne Frau urplötzlich, von einem Lichtschein umgeben, links vom Altar. „Komme am 12. Mai abends nach hier und ich sage dir, wer ich bin“, sagte sie dieses Mal. Auch das tat Frau Fink, jetzt in Begleitung ihrer Mutter, der sie noch nichts von ihren geheimnisvollen Begegnungen erzählt hatte. Wieder trug die Unbekannte ein langes, weißes Kleid, von einem goldenen Gürtel umgeben, und einen blauen, weiten Mantel. Doch jetzt schien sie auf einer weißen Wolke einen halben Meter über dem Boden zu schweben, sodass Fink ihre nackten Füße sah. „Ecce ancilla Domini“ („Sieh die Magd des Herrn“) offenbarte sie sich, um der überwältigten Näherin den Grund ihres Kommens zu offenbaren: „Mein Kind, es wird etwas Furchtbares über die Völker kommen; bete, bete, bete!“

Es folgte eine dreijährige Reihe von Erscheinungen, einige im Monatsturnus, manchmal auch mehrere Erscheinungen in einem Monat, bei denen der Dürener Näherin immer wieder prophetische Warnungen und Botschaften übermittelt wurden.

Als der Seherin im März 1950 von ihrem Beichtvater verboten wurde, die zerstörte Kapelle aufzusuchen, verlagerten sich die Erscheinungen zunächst in ihre Wohnung, dann auch in ihre Pfarrkirche. Während sie zu diesem Zeitpunkt schwer erkrankte, bezogen sich die Marienbotschaften immer häufiger auf den Erscheinungsort selbst und die nähere Zukunft. Am Rosenkranzfest, dem 7. Oktober 1950, erklärte die Gottesmutter das Umland von Düren, zu dem auch Sievernich gehört, zur „Terra Sancta(e) Maria(e)“ („Land der heiligen Maria“) und versprach: „Nicht Blumen und Quellen (eine Anspielung auf ihre Erscheinung in Guadalupe 1531, wo sie mitten im Winter auf dem Tepeyac-Hügel kastilische Rosen sprießen ließ und Lourdes 1858, wo eine wundertätige Quelle entsprang, d.Hrsg.) werde ich hier entsprießen lassen; ich werde die Stätte und die Menschen segnen und stärken, die mein Antlitz hier gesehen.“ Gleichzeitig bestätigte sie, dass sie zu dieser Zeit auch im bayerischen Heroldsbach erschien.

Gertrud Fink (1905 – 19158) (Archiv Hesemann)

Tatsächlich sollte Gertrud Fink sie das letzte Mal am 31. Oktober 1952 erscheinen, demselben Tag, an dem auch die letzte Erscheinung in Heroldsbach stattfand. „Opfere Dich für die Priester, die um Heroldsbach sich streiten“, hörte sie Jesus am 5. September 1951 sagen, „In kurzer Zeit wird der Kampf zu Ende sein und ein Triumph wird sein durch das Herz meiner Mutter. Ich kann ihrer Bitte nicht widerstehen. Bete und sühne für alles. Der Sieg wird groß sein und Deutschland ist gerettet.“

Dass die Privatoffenbarungen der Dürener Näherin durchaus einen übernatürlichen Ursprung haben könnten, belegen mindestens drei eingetroffene Prophezeiungen. Am Pfingstmontag, dem 14. Mai 1951, erklärte die Gottesmutter: „Du musst noch viel für den Heiligen Vater beten und opfern… Durch eine schwere Krankheit wird er sich einige Zeit zurückziehen. Aber er wird wiederkommen in großer Frische. Denn noch vieles wird von ihm verlangt.“ Tatsächlich erkrankte Pius XII. zu Anfang des Jahres 1954 schwer, eine Folge seines intensiven Arbeitspensums, das ihm selten mehr als vier Stunden Schlaf bescherte. Zuerst litt er unter einer schweren Gastritis, magerte stark ab und wurde wochenlang von einem heftigen Schluckauf geplagt. Ende November erlitt er einen Zwerchfellbruch mit Magenblutungen. Am 1. Dezember versammelten sich seine engsten Mitarbeiter um sein Krankenbett in Erwartung seines nahenden Todes. Doch nach dem gemeinsamen Rosenkranz erklärte Pius XII., er habe eine Stimme gehört, es werde eine Vision kommen. Als seine Haushälterin, Schwester Pascalina, ihm am nächsten Morgen das Frühstück ans Krankenbett brachte, lag er dort mit weit geöffneten, strahlenden Augen. „Dort, wo sie stehen, stand unser Herr“, vertraute er der bayerischen Nonne an: „Unser Heiland, Jesus Christus!“ Noch am selben Tag stand er erstmals wieder auf. Pius XII. gesundete so schnell, dass man von einem Wunder sprach. Am 8. Dezember war er in der Lage, das Marianische Jahr 1954, das an die Verkündigung des Dogmas der Immaculata 1854 erinnerte, mit einem Pontifikalamt in der Basilika S. Maria Maggiore und einer Radioansprache abzuschließen. Vier Jahre lang wirkte er mit voller Kraft, bis er am 9. Oktober 1958 nach nur wenigen Tagen des Unwohlseins verstarb. Die zweite eingetroffene Prophezeiung von Düren sagte, wie oben erwähnt, die propagandistischen und physischen Angriffe des KGB auf die Päpste voraus, die dritte betraf die Bekehrung Russlands, die schon 1917 in Fatima vorausgesagt worden war: „Russland wird mir die Treue schwören“, versicherte die Gottesmutter auch Frau Fink.

Nur fünf Wochen vor Papst Pius XII., am 4. September 1958, verstarb die Seherin von Düren. Sie war zuvor mit einer schweren Magenkrankheit in ein Krankenhaus eingeliefert und dort operiert worden. In der Nacht nach der Operation war eine Herzschwäche eingetreten, der sie in den Morgenstunden erlag. Die Krankenschwester, die an ihrem Bett wachte, nahm sich ein Herz und fragte angesichts des Todes: „Hast du die Muttergottes wirklich gesehen?“ Ganz deutlich antwortete Gertrud Fink: „Ja, ja, ja, ich habe sie gesehen.“ Es waren ihre letzten Worte.

Gertrud Fink auf dem Sterbebett (Foto: Archiv Hesemann)

Liest man die zahlreichen Botschaften, die sie empfing, so kann kein Zweifel daran bestehen, dass ihre Erscheinungen den Boden bereiteten für das Geschehen von Sievernich. „Ich werde die Stätte an mich ziehen, die ich gesegnet habe“, prophezeite sie am 31. Dezember 1950. „Diese Stätte wird einmal die Stätte des großen Gebetes werden… ich habe die Stätte gesegnet, die mein Antlitz gesehen“, bestätigte sie am Fronleichnamsfest 1951. „Das Rheinland werde ich an mein Herz ziehen“, ergänzte sie am 2. Juli 1951, um fünf Tage später festzustellen: „Die Wallfahrt nach Aachen und Düren wird eine Segensquelle für viele sein. Dort werde ich viele erleuchten, und ich werde alles in meinen Segen und mein Opfer nehmen“. Offensichtlich wurden also nicht nur die Kapellen in Düren von der Gottesmutter gesegnet, sondern das ganze Umland. Bleibt zu erwähnen, dass die beiden Wallfahrtskirchen, heute das „Muttergotteshäuschen“ und das „Alte Muttergotteshäuschen“ genannt (Adresse: Zülpicher Straße 227), beide an der Straße von Düren nach Sievernich liegen. Manuela S. passiert sie jedes Mal, wenn sie von ihrem Haus in Düren-Gürzenich zur Erscheinungsstätte fährt.

Die Hauptthemen der Erscheinungen in Düren

*  Der Gefahr eines Dritten Weltkrieges, der schon 1950 mit dem Koreakrieg auszubrechen drohte. Nur durch Gebete könnte dieser abgewendet werden. Sonst aber ginge „das Ostlicht des Verderbens gegen das Westlicht“ (Botschaft vom 4.6.1949). Gemeint war die kommunistische Sowjetunion, „Russland, welches sich gegen Kirche, Papst und Menschheit stellt“ (Botschaft vom 6.8.1949). Doch die Katastrophe wurde keineswegs als unaufhaltsam dargestellt, im Gegenteil. So erklärte die Erscheinung am 2. Februar 1950: „Die Welt eilt dem Abgrund entgegen. Durch eine Schar großmütiger Seelen, die unter meiner Leitung kämpfen, wird dieser Lauf noch aufgehalten…“

*  Die drohende Kirchenverfolgung („Meine Priester werden den Kampf bestehen, aber nur durch Opfer für Christus, den Sieger. Es werden viele Priester verfolgt werden; sie werden gemartert und getötet. Ihr Blut wird einen Erdteil tränken, wo der Stern auf Rom gerichtet ist“ – Botschaft vom 3.9.1949 – gemeint ist der rote Stern des Kommunismus).

*  Die Gottesferne der Moderne („Verstärke Dein Gebet noch mehr. Sage den Priestern, dass sie beten für die gottentfremdete Welt.“ – Botschaft vom 2.7.1949)

*  Den Wunsch der Gottesmutter, dass die Kapelle, in der so viele der Erscheinungen stattfanden, wieder aufgebaut und dem Lieblingsjünger Jesu, dem Apostel Johannes, geweiht wird („Bitte die Priester, man möge diese Kapelle fertig bauen; ich wünsche es. Es soll eine Johanneskapelle werden, sie soll dem Lieblingsjünger geweiht werden, der mit mir unter dem Kreuz stand.“ – Botschaft vom 4.6.1949).

Die vielleicht wichtigste Botschaft von Düren, die Frau Fink am 3. Dezember 1949 offenbart wurde, erinnert zumindest vom Inhalt her an das Zweite Geheimnis von Fatima:

„Betet, betet, betet, tuet Busse. Die Kirche wird verfolgt werden, so habe ich dir ja schon kundgetan. Viele werden gemartert werden um des Glaubens willen. Wer das Ostlicht des Verderbens (den Kommunismus, d.Hrsg.) nicht erkennt, wird der furchtbarsten Irrlehre verfallen, welche die Menschheit sah. Man wird Brandfackeln werfen auf den Stellvertreter Christi. Er wird viel zu leiden haben. (Wurde damit die Verleumdungskampagne des KGB gegen Papst Pius XII., gipfelnd in Rolf Hochhuths Skandaldrama „Der Stellvertreter“ von 1963 gemeint? Oder das vom KGB in Auftrag gegebene Attentat auf Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981? D. Hrsg.) Ich bin ja gekommen, um die Menschheit zu warnen vor dem Unterlande (der Sowjetunion, d.Hrsg.). Hört auf die Stimme eurer Mutter. Am Ende wird meine Liebe doch siegen und durch einen Gnadenstrom werden viele gerettet werden. Durch das kostbare Blut meines Sohnes bitte ich inständig um Vergebung der Freveltaten, um die Rettung der Welt. Darum komme ich als Magd des Herrn.“